Am 28. April 2026 starb Ole, Gundas Ehemann und langjähriges Mitglied der Gemeinde. Er wurde am 8. Mai von Diakon Kaare beerdigt.
An Pfingsten feierten wir dann eine Gedächtnismesse für Ole – gleichzeitig mit der Taufe des jungen Arthurs und dem Hochfest Pfingsten. All dies verband Kaare in einer sehr schönen Predigt.
Auf vielfachen Wunsch möchten wir hier die beiden Predigten dokumentieren, so dass ihr die in Ruhe nachlesen könnt.
/Euer Gemeinderat
(1) Predigt zu Oles Beerdigung (alle Rechte: Diakon Kaare)
Es gibt Menschen, die in einem Raum viel Raum einnehmen. Und dann gibt es Menschen, die in einem Leben viel Raum einnehmen.
Ole war nicht derjenige, der am meisten von sich reden machte. Ganz im Gegenteil.
Wenn du, Gunda, ihn beschreibst, hört man von einem Menschen, der bescheiden, demütig, still und vertrauenswürdig war.
Ein Mensch, der in sich selbst ruhte. Ein Mensch, der sich nicht beklagte. Ein Mensch mit einem großen Herzen. Ein großes Herz ist gut!
Solche Menschen werden von der Welt jedoch manchmal etwas zu schnell übersehen. Denn sie schreien nicht laut. Sie verlangen nicht nach Aufmerksamkeit.
Aber wenn sie eines Tages nicht mehr da sind, merkt man plötzlich, wie viel Frieden, Wärme und Geborgenheit sie mit sich brachten.
Eines der schönsten Dinge in dem, was du, Gunda, erzählt hast, ist fast dieser kleine Satz: „Jeden Morgen fragte er: Was machen wir heute?“
Das sagt eigentlich viel über Ole aus.
Nicht: Was will ich? Nicht: Was muss erreicht werden? Sondern: Was machen wir?
Darin liegt etwas Liebevolles und Lebensnahes. Ein Mensch, der mit anderen zusammenlebte.
Der das Leben teilte. Der Freude am Alltäglichen fand: am Garten, an Ausflügen in die Natur, an Museen, Bussen, Zügen, Fähren, Straßenbahnen, am Zoo, an Kreuzworträtseln, an Musik.
Das ist eigentlich schön: Dass das Leben eines Menschen nicht unbedingt durch das Spektakuläre groß wird – sondern durch treue Präsenz.
Und vielleicht ist es genau hier, wo sich die Lesungen des Tages zu erschließen beginnen.
Denn Paulus schreibt: „Keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst.“
Manche Menschen drängen sich lautstark in die Welt. Andere werden still, um Segen zu empfangen. Ich glaube, Ole war ein solcher Mensch.
Im Evangelium sagt Jesus dann: „Euer Herz soll sich nicht erschrecken.“ Und später: „In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen.“
Vielleicht sollten wir diese Worte etwas langsamer hören, wenn das möglich ist.
Denn Jesus spricht nicht nur von einem Ort weit weg nach dem Tod.
Er spricht von einem Zuhause. Einem Ort, an dem Platz ist. Einem Ort, an dem der Mensch nicht mehr kämpfen muss. Einem Ort, an dem die Liebe nicht endet.
Wenn ich an Ole denke, denke ich eigentlich ein wenig an dieses Bild.
Denn er wirkte wie ein Mensch, der schon hier im Leben versuchte, kleine Räume des Friedens um sich herum zu schaffen. Nicht durch große Worte – sondern durch seine Art, präsent zu sein.
Vielleicht liebte er deshalb auch Straßenbahnen, Züge und Fähren. Bewegung. Reisen. Unterwegs sein.
Das Leben ist ja auch eine Reise: Wir steigen ein. Wir begleiten andere Menschen. Manche steigen früher aus, als wir es uns wünschen.
Und eines Tages erreichen wir selbst einen Bahnhof, an dem wir nicht vorbeifahren können.
Wenn der Tod kommt, stellt sich fast die Frage: Haben wir nun alles verloren?
Nein.
Denn der Tod nimmt uns vieles. Er nimmt uns die Stimme, die Hände, die Nähe, die wir sehen und berühren konnten. Er nimmt uns das Leben, wie wir es kannten.
Aber es gibt etwas, das der Tod uns nicht nehmen kann.
Die Liebe. Die kann der Tod nicht antasten.
Das ist vielleicht eines der tiefsten Elemente des Christentums:
Dass die Liebe stärker ist als der Tod. Dass Beziehungen nicht einfach ausgelöscht werden.
Denn das Evangelium sagt: Das ist nicht die letzte Station. Unser christlicher Glaube spricht nämlich nicht vom Tod als vom Ende und vom Aus. Er spricht von der Heimkehr. Er spricht von der Auferstehung. Vom ewigen Leben.
„Ich gehe fort, um euch einen Platz zu bereiten“, sagt Jesus.
Das heißt: Gott ist derjenige, der Platz in unserem Leben schafft. Einen Lebensraum, in dem wir uns entfalten können.
Einen Lebensraum, der uns fassen kann. Dass Gott uns mit Platz begegnet.
Ein Ort, der unser Zuhause ist, an dem wir uns zu Hause fühlen dürfen und können.
In diesem Sinne bedeutet die Auferstehung gerade, dass die Liebe bei Gott nicht verloren geht.
Dass der Mensch, der gelebt, geliebt, gehofft und andere getragen hat, nicht einfach in die Nichtigkeit.
Das Christentum glaubt nicht an eine ewige Finsternis. Es glaubt an ein ewiges Leben in Gott.
Ein Leben, in dem das Gebrochene geheilt wird. In dem die Trauer verwandelt wird. In dem der Mensch sich im Licht Gottes erhebt.
Und vielleicht ist das der Grund, warum „Amazing Grace“ im Laufe der Zeit so viele Menschen berührt hat. Auch Ole.
Denn in diesem Lied geht es im Grunde darum, getragen zu werden. Gefunden zu werden. Nach Hause geführt zu werden.
„I once was lost, but now am found.“
Darin liegt etwas vom Evangelium. Nicht, weil ein Mensch perfekt sein muss. Sondern weil Gott treu ist.
Heute nehmen wir Abschied von Ole.
Mit seiner ruhigen Art. Seiner Fürsorge. Seiner Treue. Seiner Art, Mann, Vater und Mitmensch zu sein.
Und zugleich übergeben wir ihn Gott. Dem, der sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Nicht: Ich zeige euch einen Weg. Sondern: Ich bin der Weg.
Die christliche Hoffnung ist daher nicht in erster Linie eine Theorie über das Leben nach dem Tod.
Es ist das Vertrauen in Gott. Dass Er uns durch das Leben und durch den Tod bis zur Auferstehung begleitet.
Amen
(2) Predigt zu Pfingsten (alle Rechte: Diakon Kaare)
Es liegt etwas zutiefst Menschliches im Anfang des heutigen Evangeliums.
Wir begegnen hier nicht besonders souveränen oder „ich habe alles im Griff“-Christen.
Die Jünger sitzen hinter verschlossenen Türen. Sie haben Angst. Sie sind unsicher.
Etwas in ihnen ist erschüttert worden.
Sie wissen wohl, dass Jesus auferstanden ist. Sie haben davon gehört. Vielleicht glauben sie es sogar. Und trotzdem sitzen sie hinter verschlossenen Türen … aus Angst. Sie schließen sich ein.
Kennen wir das nicht auch? So sind wir Menschen manchmal.
Man kann glauben – und gleichzeitig Angst haben. kann hoffen – und gleichzeitig unsicher sein. Wir könne uns nach Leben sehnen – und uns dennoch zurückhalten.
Darum ist es so wichtig zu sehen, was im Evangelium geschieht.
Da steht nicht, dass Jesus an die Tür klopft und sagt: „Wenn ihr mutig genug geworden seid, dann komme ich.“ Nein.
Er kommt mitten hinein in ihre Angst. Mitten hinein in ihren Zweifel. Mitten hinein in ihre Unruhe und in ihr „ich habe nicht alles im Griff“.
Und achten wir auf das Erste, was er sagt: „Der Friede sei mit euch.“
Das ist der Beginn von Pfingsten. Denn der Heilige Geist beginnt nicht zuerst mit Spektakel oder großen Gefühlen. Er beginnt mit Gegenwart. Mit Frieden. Mit Gott, der in die verschlossenen Räume des Menschen eintritt.
Und genau dort geschieht etwas Wunderbares: Jesus haucht sie an.
Dieses kleine Wort ist wichtig. Er spricht nicht nur zu ihnen. Er haucht sie an.
Woher kennen wir das?
Die Bibel beginnt eigentlich genauso. In der Schöpfungsgeschichte formt Gott den Menschen aus Erde und haucht ihm den Lebensatem ein. Der Mensch wird lebendig durch Gottes Atem.
An Pfingsten geschieht deshalb eine Art Neuschöpfung. Nicht nur der Welt. Sondern des Menschen.
Der Heilige Geist ist Gottes Leben im Menschen. Gottes Gegenwart im inneren Raum des Menschen. Gottes Atem im müden, ängstlichen, verletzten – aber auch im hoffenden und frohen Menschen.
Und gerade deshalb ist es so schön, dass wir heute den kleinen Arthur taufen.
Denn wenn ein Kind zur Taufe getragen wird, dann wird nicht nur ein Name vor Gott gebracht. Ein ganzes Menschenleben wird vor Gott getragen.
Ein Leben voller Möglichkeiten, Beziehungen, Freude, Fragen und Tage, die noch niemand von uns kennt.
Arthur weiß noch nicht viel von der Welt. Er kann den Glauben noch nicht in Worte fassen. Und gerade darin liegt etwas sehr Schönes.
Denn die Taufe beginnt nicht mit der Leistung des Menschen. Sie beginnt mit der Liebe Gottes. Noch bevor Arthur selbst Gott wählen kann, sagt Gott bereits Ja zu ihm. Das ist eigentlich zutiefst bewegend.
In der Taufe sagt Gott: Du bist nicht einfach zufällig in dieser Welt. Du bist gewollt. Geliebt. Gekannt. Getragen.
Und der Heilige Geist wird Arthur als Gabe und Verheißung geschenkt.
Nicht als Magie. Nicht als etwas, das alle Schwierigkeiten des Lebens wegnimmt.
Sondern als Gottes lebendige Gegenwart durch das ganze Leben hindurch.
Eine Gegenwart, die ihn begleiten will – in Freude und Trauer.
Im Leichten und im Schweren. Im Glauben und im Zweifel.
In allem, was ein Menschenleben zu einem Menschenleben macht.
Darum ist die Taufe auch mehr als eine schöne Tradition oder ein Familienfest.
Sie ist der Beginn eines neuen Lebens mit Gott.
Man könnte fast sagen: Derselbe Atem, den Jesus den Jüngern im heutigen Evangelium schenkt, wird heute auch über Arthur gelegt.
Gott haucht seine Hoffnung, seine Liebe und sein Leben in das Leben eines Menschen hinein.
Und gleichzeitig stehen wir heute auch mit der Trauer um Ole hier.
Vor drei Wochen haben wir von ihm Abschied genommen. Wenn Ich an Ole denke, sehe ich sei warmes lächeln und denke an einen Menschen der zu tiefst liebenswürdig ist, – würdig zu lieben.
Und wenn ein Mensch stirbt, spüren wir oft genau das Gegenteil von Pfingsten und Lebendigkeit. Etwas wird still. Etwas fehlt. Eine Stimme ist nicht mehr unter uns.
Vielleicht ist es deshalb auch so stark, heute mit einem kleinen Kind am Taufbecken zu stehen.
Denn in der Kirche liegen Anfang und Ende oft nah beieinander. Taufe und Beerdigung. Tränen und Hoffnung. Verlust und Leben.
Und genau dort spricht Pfingsten seine Hoffnung hinein.
Denn der Heilige Geist ist nicht nur der Atem des Lebens am Anfang.
Er ist auch Gottes Leben, das stärker ist als der Tod.
Die christliche Hoffnung sagt nicht, dass der Tod nicht weh tut. Das tut er.
Aber sie sagt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Denn derselbe Geist, der Christus von den Toten auferweckt hat, ist der Geist, den Gott seinem Volk schenkt.
Darum lebt die Kirche aus Hoffnung. Nicht aus Perfektion. Nicht aus Stärke. Sondern aus Gottes lebendiger Gegenwart.
In der Apostelgeschichte hören wir, dass die Jünger plötzlich viele Sprachen sprechen.
Das größte Wunder ist eigentlich nicht, dass sie viele Sprachen sprechen.
Das größte Wunder ist, dass Menschen einander wieder verstehen können.
Denn die Sünde bewirkt oft das Gegenteil: Sie trennt. Sie verschließt. Sie schafft Distanz.
Aber der Heilige Geist schafft Verbindung. Nicht Gleichheit. Sondern Einheit.
Das meint auch Paulus, wenn er sagt: „Wir alle wurden durch die Taufe zu einem einzigen Leib.“ Nicht gleich. Aber verbunden.
Das gilt auch für uns heute. Wir kommen mit unterschiedlichen Geschichten.
Manche kommen mit Freude. Andere mit Trauer. Manche mit Hoffnung. Andere mit Müdigkeit oder Unruhe.
Aber der Heilige Geist sammelt Menschen um Christus.
Und vielleicht ist genau das die Botschaft von Pfingsten heute: Dass Gott immer noch durch verschlossene Türen kommt. Dass er Licht in Menschen entzünden kann.
Dass Gott immer noch Leben schaffen kann dort, wo etwas schwer oder dunkel geworden ist.
Dass Gottes Atem immer noch durch die Welt, durch die Kirche und durch Menschen wirkt.
Und wenn etwas in uns müde geworden ist …Wenn etwas in uns den Atem anhält …etwas in uns ängstlich oder verschlossen geworden ist …
Dann klingt das Evangelium von Pfingsten auch heute:
Christus kommt durch verschlossene Türen. Und der Heilige Geist ist immer noch Gottes lebendiger Atem im Leben des Menschen.
Darum: Gib dem Heiligen Geist Raum. Und lebe das Leben. Amen.
